9 ½ Stunden, die alles veränderten

Das Buch „Signale des Körpers“ – Wie wir besser leben wenn wir unserer inneren Stimme vertrauen  von Claudia Kloihofer – erschienen im Goldegg Verlag

Claudia Kloihofer-Haupt

9 1/2 Stunden kämpfte der diensthabende Arzt,

Dr. Alexander Raab, um die Erhaltung meines linken Armes nach dem Zusammenstoß. Der Arm war um neunzig Grad verdreht, blutete und war auf die Hälfte seiner Länge zusammengequetscht und gestaucht. Ihm fehlte jeglicher Puls. Wie durch ein Wunder gelang der Notärztin am Unfallort etwas Seltenes.

Ganz entgegen herkömmlicher medizinischer Regeln folgte sie ihrem „Bauchgefühl“: Sie stabilisierte und schiente, renkte ein und korrigierte und holte dadurch auf dem Weg ins Krankenhaus den Puls in den Arm zurück.

Ihrer Kompetenz und ihrer Intuition verdanke ich es, dass mein Arm nicht amputiert werden musste. Nur die Finger waren leider nicht mehr zu retten. Mittel-, Ring- und kleiner Finger mussten noch während der ersten Operation abgetrennt und mit Drähten stabilisiert werden.

In einer neuneinhalbstündigen Operation wurden meine Gliedmaßen mit 62 Nägeln, drei großen Metallplatten und jeder Menge Drähte „geflickt“. Unzählige Knochensplitter und Bruchstücke mussten wie ein Puzzle zu einem neuen Ganzen zusammengefügt werden. Zahlreiche Operationen folgten. Gehirnerschütterung, Milzriss, Becken-, Kreuzbeinbruch und Rippenbrüche machten mir zu schaffen. Bald folgten noch zwei Lungeninfarkte, anscheinend eine durchaus übliche Reaktion des Körpers nach schweren Polytraumata. Sie machten mir Angst, nahmen mir sprichwörtlich den Atem und versetzten mich tagelang in einen fieberhaften Zustand.

Verzweifelt kämpften Ärzte darum, mich zu stabilisieren und meine Angehörigen rangen darum, mich nicht zu beunruhigen.

Zwei Monate …

… verbrachte ich zuerst in der Intensivüberwachung und später in der Unfallstation des Landesklinikums Sankt Pölten. Unerträgliche Schmerzen in meinen amputierten Fingern, ein riesiges Hämatom am linken Oberschenkel und blaue Flecken bis zu den Zehen machten mir Probleme und hielten Ärzteschaft und Pflegerinnen und Pfleger in Alarmbereitschaft.

Manchmal verzweifelt und vom Schmerz verzagt, hungerte ich nach menschlicher Wärme, nach Gehaltenwerden und nach liebevoller Zuwendung. Mein Sehnen und meine Hoffnung zentrierten sich auf ein Thema: „Alles wird gut werden!“

Diese Hoffnungen wurden von meiner Familie liebevoll unterstützt. Tagelang saßen meine Schwestern, meine Mutter und mein Partner an meinem Krankenbett. Sie schenkten mir Kraft, Liebe und Zuversicht. Meine Familie rückte zusammen, sie waren immer da, wenn ich Hilfe brauchte, und in unseren Herzen wurden die familiären Fäden noch fester verbunden.

Pfleger und Ärzte spendeten mir trotz Stress und karger Zeitressourcen Mut und Trost. Zart und feinfühlend nahmen sie mir meine Angst.

„Perlen der Menschlichkeit“ nenne ich sie. Selten, kostbar und unbezahlbar. Ich durfte so vielen Menschen begegnen, die meine Schmerzen an Körper und Seele auf ganz besondere Weise linderten.

Ich lernte die Qualität der Herzen kennen, in einem System, das kaum Ressourcen und Zeit für mehr als medizinische Betreuung zur Verfügung hatte, und doch menschliche Zuwendung schenkte, die meiner Heilung so hilfreich war.

Da war die gute Fee, Schwester Christiane, die im Aufwachraum nach meinen vielen Operationen meine Schmerzen abschwächte und meinem quälenden Rücken zusätzlich eine Massage angedeihen ließ. Sie lagerte mich seitlich, steckte mir ein Kissen hinter meinen Rücken, bettete mich sanft, ließ meine Schmerzinfusion ein wenig schneller in die Blutbahn laufen und bescherte mir so den tiefsten und entspanntesten Schlaf, den ich je in einem Krankenhaus erleben durfte.

Oder meine Pflegerinnen und Pfleger, „Pflegeengel“ nenne ich sie, die Mitarbeiter der Unfallabteilung 2, die mich behutsam und ganz sanft betteten, meine Haare im Liegen wuschen, bürsteten, mich fütterten, mich im Bett wendeten. Vorsichtig und sachte – zu fünft mussten sie anpacken –, denn ich litt Höllenqualen.

Fünf Wochen konnte ich ausschließlich starr auf dem Rücken verbringen, mich nicht bewegen, nicht drehen und mein linker Arm lag wie ein Fremdkörper, dick und schmerzend, neben mir. Meine Hand und die Fingerstümpfe hatten das Aussehen eines „Baseballhandschuhs“. Die kleinsten Berührungen waren wie eine Folter für mich, trieben mir vor Schmerzen die Tränen in die Augen. Dazu kam die Scham über meine Stummel, die ich erst einmal annehmen und akzeptieren musste.

Doch meine Pflegerinnen und Pfleger und die leitenden Ärztinnen und Ärzte waren da, bis ich meine ersten Schritte allein tun konnte.

Nie werde ich die Freude und das Strahlen unserer Gesichter, von Schwester Leopoldine und mir, vergessen, als wir nach einem Monat des starren Liegens gemeinsam die ersten fünf Schritte vom Bett ins Badezimmer schafften.

Das Team der Physio- und Ergotherapie motivierte mich täglich bei seinen Besuchen. Jeder spornte mich an, trotz Wundschmerzen bei meinem Versuch die Fingerstümpfe zu bewegen, meine Übungen auszuführen oder brachte mich mit heiteren Sprüchen und ansteckender Fröhlichkeit zum Lachen.

Obwohl Lachen damals genauso schmerzhaft war wie jede kleinste Bewegung meines geschundenen Körpers taten mir diese Besuche sehr gut. Heute noch besuche ich diese Menschen gerne, wenn es meine Zeit erlaubt, denn ihre Heiterkeit schenkte mir und anderen Patientinnen und Patienten so viel Zuversicht, trotz der sehr ernsten Lage. Niemand von uns wusste, was die Zukunft bringen würde, doch in ihrem ständigen Bemühen und „Probieren“, Bewegung in die Starrheit des Körpers zu bringen, war das Lachen die erste Hilfe, die die Starre auflöste und die Beweglichkeit des Geistes durch lachen förderte.

Ich danke euch!

Diese warme menschliche Zuwendung half mir, nicht aufzugeben. Selbst dann nicht, wenn mir eine weitere schlechte Nachricht über meinen Genesungsverlauf oder Komplikationen und unendliche Schmerzen wieder einen harten Rückschlag erteilten. Wochenlang hing ich am Dauerschmerzkatheter, an Cocktails von Schmerzmittelinfusionen, Opiaten und Morphinen. Sie linderten meinen physischen Schmerz und hielten mich in einer Art Dämmerzustand fest. Trotzdem konnte ich mich nur gelegentlich und zwischendurch innerlich entspannen. Denn in meinem Kopf dröhnten Fragen um Fragen.

 

Wie konnte mir nur so ein Unfall passieren? Was habe ich in meinem Alltag übersehen? Schicksal oder Zufall? Ein Wink des Himmels? Doch vor allem brannte in mir die eine Frage: Was soll ich aus dieser Situation lernen? Heute weiß ich es, es war kein Wink, sondern ein Geschenk des Himmels.

 

Die monatelange Genesungszeit hat nicht nur meine Sicht auf das Leben, sondern meine ganze Lebenseinstellung und mein gesamtes Leben verändert. Mit unbewusster Lebensführung war es vorbei, als ich von einem Augenblick zum anderen und in vollem Umfang auf fremde Hilfe angewiesen war. An die Zuwendung gütiger und hilfsbereiter Menschen gebunden. Ich werde nie vergessen, wie ich nach dem Unfall jedem und wirklich jedem Morgen mit einem unermesslichen „Gefühl der Dankbarkeit“ begegnete, weil ich lebte und weil mein Arm und meine linke Hand noch da waren. Weil ich keine Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule hatte und weil ich nach jeder weiteren Morphiuminfusion schmerzfreie Augenblicke erleben durfte.

9 ½ Stunden, die alles veränderten

Das Buch „Signale des Körpers“ von Claudia Kloihofer

Claudia Kloihofer ist Steh-auf-Frau, Mutmacherin, Vortragsrednerin und Erfolgscoach. Sie ist systemisch- psychologische Lebensberaterin sowie Unternehmensberaterin. Mit dem von ihr gegründeten Mutmachinstitut ermuntert sie Menschen, ihrer Intuition zu vertrauen. Die Expertin und Autorin berät Firmen und Organisationen bei der Entwicklung eines klaren Werteprofils, hilft neue Perspektiven bei Veränderungen zu finden und ermutigt Unternehmen und Führungsmannschaften, wieder auf Vertrauen und Menschlichkeit zu bauen. Sie unterstützt Unternehmen dabei, das Miteinander wieder positiver, energiereicher und wertvoller zu gestalten. Sie ist Preisträgerin des „ Women of the Year“ und „Aufsteigerin des Jahres“  nach ihrem Comeback. Außerdem ist sie Mitpreisträgerin des Constantinus-Awards und gefragte Referentin für den Bereich Personal & Training und publiziert in verschiedenen Fachzeitschriften.

Mehr über Claudia Kloihofer erfahren Sie auch auf Ihrer Website.

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